Montag, Mai 01, 2006

Manchmal ist sehr interessant, in alten Archiven zu stöbern, um sich klar zu werden, dass die Diskussion um die Ereignisse um dem 11. September 2001, die immer mal wieder neu aus dem Dunst der Nachrichten herausschälen, nicht wirklich etwas Neues darstellt. "Argumente" und "Beweise", die sich seit fast fünf Jahren nicht ändern, werden präsentiert, und als Monstranz vor sich hergetragen, so als wenn Gebetssprüche einer tibetanischen Gebetsmühle deswegen wahr, weil sie ständig wiederholt werden.

Filme wie "Loose Change" und Bücher, wie "Painful Deception" unterlegen ihre Theorien mit gefälschten und verfälschten Zitaten, ignorieren Erklärungen - sie verweigern sich der Realität. Der Artikel, den ich in meinem Archiv gefunden haben, befasst sich mit einem Treffen von Verschwörungstheoretikern in Berlin im Jahre 2003 - aber die Bewertung ist nach wie vor aktuell.

Ein Wahn stützt den anderen
Warum die Linke den Verschwörungstheorien zum 11. September zuerst verfällt
Von Jörg Lau
Nichts verkauft sich derzeit auf dem Sachbuchmarkt so gut wie Verschwörungstheorien über „die Geheimnisse des 11. 9.“. Keine These über die „wahren Hintergründe“ der Anschläge ist zu absurd, als dass sich nicht ein renommierter Verlag fände, sie unters Lesevolk zu bringen. Am vergangenen Wochenende trafen sich im Tempodrom, im Herzen des Berliner rot-grünen Milieus, die führenden Pseudo-Experten aus aller Welt, um sich vor Hunderten von Zuschauern mit steilen Thesen über den „inszenierten Terrorismus“ zu überbieten.
Traditionell ist das politische Verschwörungsdenken eher eine Passion der Rechten. Heute aber ist ihm vor allem die Restlinke verfallen. Die Veranstalter des Berliner Symposiums distanzierten sich darum auch eifrig von der „rechten nationalistischen Szene“. Dass sie eine solche Abgrenzung nötig hatten, verrät einiges über die schillernde politische Funktion ihres Denkens.
In einem sind sie sich einig: An der „offiziellen Version“ der Ereignisse stimmt rein gar nichts. Der 11. September 2001 und die Folgen sind „die größte Gehirnwäscheoperation aller Zeiten“, so Mathias Bröckers, einer der Stars der Szene. Akzeptiert man diese Voraussetzung, wird alles denkbar: Die Flugzeuge, die ins World Trade Center einschlugen, waren ferngesteuert. Das Pentagon wurde in Wirklichkeit nicht von einem Jet, sondern von einer amerikanischen Cruise Missile getroffen. Auf dem Feld bei Shanksville ist niemals ein Flugzeug abgestürzt. Sechs der „angeblichen Attentäter“ leben noch. Die US-Regierung wusste von den Anschlägen. Ach was, sie hat sie selbst angeordnet. Und wenn nicht die Regierung, dann haben eben CIA und Mossad die Sache ausgeheckt.
Epochale Ereignisse wie die Terroranschläge vor zwei Jahren rufen stets die politischen Tagträumer auf den Plan. Und die Präsidentschaft des jüngeren Bush ist sicher die anregendste Periode für Politparanoiker seit dem Mord an John F. Kennedy. Die Bush-Regierung lieferte schon vor dem 11. September erstklassiges Material für Konspirologen, allein durch die kuriose Florida-Wahl, die Industrieverbindungen seines Kabinetts und das neokonservative Netzwerk in den Medien und Think Tanks. Die Debatte um aufgepeppte Geheimdienstdossiers im Vorfeld des Irak-Kriegs, die ständig wechselnden Kriegsgründe, die Einschränkungen der Bürgerrechte in den USA, die Kelly-Affäre – all dies ist wie geschaffen, um die paranoide Fantasie auf Touren zu bringen.
Wie groß aber muss die Ratlosigkeit sein, wenn ein im Kern apolitischer, zutiefst zynischer Paranoiker wie Michael Moore zur internationalen Celebrity aufsteigen kann? Zahlreiche Kritiker – meist selbst Linke, die sich um das Debattenniveau im eigenen Lager sorgen – haben Moore viele Fehler und Fälschungen nachweisen können. Auch den deutschen Verschwörungsdenkern halten investigative Kollegen Schlamperei und Falschmünzerei vor.

Als Wissenschaft inszeniert

Nützen wird das nicht viel. Denn die Verschwörungstheorie inszeniert sich als Wissenschaft. Eine besondere Pedanterie mit Fußnoten, Zitaten und lückenlosen Beweisketten ist geradezu ein Erkennungszeichen ihres Pseudo-Rationalismus. Die verschwörungstheoretische Mentalität verrät sich durch ihre übermäßige Folgerichtigkeit. Ihre Theorien sind viel kohärenter als die Wirklichkeit und lassen keinen Raum für Fehler, Zufälle oder Zweideutigkeiten. Es wäre naiv, sie für widerlegbar zu halten. Im Gegenteil: Der Paranoiker zehrt ja gerade davon, dass man ihm nicht glaubt und seine Thesen für absurd erklärt. *
Die Verschwörungstheorie gehört zum Bereich der politischen Religion. Es geht im Grunde um die Rechtfertigung der Welt angesichts des radikal Bösen. Dass Menschen aus freiem Willen das Böse tun, darüber kommt das menschliche Bewusstsein offenbar schwer hinweg, wie die Fortdauer des Theodizeeproblems zeigt. Was die Verschwörungstheoretiker betreiben, ist im Grunde eine pervertierte Schwundform von Theodizee. Sie machen das Böse erträglich und mildern seine Schockwirkung. Nein, die Welt ist nicht aus den Fugen, alles lässt sich lückenlos erklären! Die Stelle des guten Schöpfergottes, den die Theologen mit dem Bösen zu vereinen suchten, vertritt in dieser pervertierten Theodizee eine gigantische Verschwörung als die treibende Kraft der Geschichte. Die Geschichte ist im Kern nichts als eine gigantische Verschwörung, ins Werk gesetzt von dämonischen Mächten, in denen sich perfiderweise Bosheit mit Macht und Rationalität verbündet hat. Im Denken des Senators McCarthy spielte seinerzeit der Kommunismus diese Dämonen-Rolle. Heute nimmt die Regierung der USA den Platz im Zentrum des Spinnennetzes ein.
Die erfolgreichsten Verschwörungstheoretiker von heute entsprechen nicht dem bekannten Typus des verklemmten, autoritätsfixierten Spinners, der sich typischerweise mit den „Protokollen der Weisen von Zion“, Entführungen durch Außerirdische und der Macht der Geheimbünde beschäftigt. Es sind vielmehr gewesene Spontis und Anarchos und Randfiguren des rot-grünen Milieus, die die Szene beherrschen: Der taz-Journalist und Hanf-Propagandist Mathias Bröckers, der Bundesminister a. D. Andreas von Bülow und der WDR-Reporter Gerhard Wisnewski stehen exemplarisch dafür. Der Verlag Zweitausendeins, von jeher eine Wärmestube für die geistig obdachlose Restlinke, gibt dem paranoiden Affen Zucker. Nach dem Riesenerfolg des Bröckerschen Elaborats zum 11. September wird nun sogar die große Pearl-Harbor-Verschwörung wieder aufgewärmt. Robert B. Stinnett „beweist“ in seinem Buch über den japanischen Angriff, dass „die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2476 ihrer Bürger sterben ließ“. Ein Muster amerikanischer Skrupellosigkeit schält sich heraus, in das sich der 11. September nahtlos einfügt. So stützt der eine Wahn den anderen, ein freitragendes System entsteht.

Schwer erträgliche Wahrheit

Der amerikanische Politologe Richard Hofstadter schrieb zu Beginn der sechziger Jahre über den „paranoiden Stil in der amerikanischen Politik“: „Das Besondere am paranoiden Stil ist nicht, dass seine Vertreter hier und da in der Geschichte Verschwörungen am Werk sehen, sondern dass sie eine ‚gigantische‘ Verschwörung als treibende Kraft hinter den historischen Ereignissen betrachten.“ Hofstadter hatte damals vor allem die kulturell marginalisierte politische Rechte vor Augen. Seine Definition passt aber auch auf das linke Verschwörungsdenken nach dem 11. September.
Mit einer ironischen Drehung allerdings: Denn diesmal geht es nicht darum, den Dingen einen Sinn zu verleihen, indem man eine Verschwörung findet, wo keine ist – wie etwa im Fall des Kennedy-Mordes. Im Gegenteil: Eine tatsächliche Verschwörung soll verdrängt werden. Zugegeben: Sie stellt eine ungeheure Zumutung an das linksliberale Weltbild dar. Wer an den Sinn eines Dialogs der Kulturen, an die multikulturelle Gesellschaft und an die Friedfertigkeit des Islams geglaubt hat und weiter glauben will, ist seit dem 11. September in arger Bedrängnis.
Die „al-qaidisch-ladinistische Weltverschwörung“ (Bröckers) kann darum nur eine Lüge der Geheimdienste und der mit ihnen konspirierenden Medien sein. Es darf einfach nicht wahr sein, dass 19 junge arabische Männer in ihrem Hass auf die westliche Welt einen solchen Massenmord zu begehen bereit sind. Das besondere Problem mit diesem Hass ist nämlich, dass er so umfassend, im strengen Sinne totalitär ist. Er attackiert die feinen moralischen Unterscheidungen, an denen wir uns orientieren: Dieser Terrorismus macht eben keinen Unterschied zwischen den Gesellschaftskritikern und dem Establishment, Linken und Rechten – wie er ja auch keinen Unterschied zwischen den Brokern und den Putzfrauen im World Trade Center gemacht hat. Für die Verschwörer des 11. September gehörte auch der institutionalisierte westliche Selbstzweifel, dessen absurd-paranoide Zuspitzung Mathias Bröckers und Michael Moore verkörpern, zu jenem Weichlichen und Entarteten unserer Zivilisation, das sie aus tiefster Seele verachteten. *
Der breite Zulauf zu den Politparanoikern zeigt, dass es vielen offenbar immer noch schwer fällt, sich von dem Angriff mit gemeint zu fühlen. Lieber möchten sie an die abstrusesten Komplotte glauben als daran, dass die Terroristen wirklich meinten, was sie sagten und taten.

(c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38


*Die Hervorhebungen sind von mir